IPA AKTUELL 1/2020

Hinschauen! Besonders zuhause.
Kinderschutz in Zeiten der Corona Krise

Kinder und Jugendliche, die von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch betroffen sind, sind dieser Gewalt durch die Ausgehbeschränkungen mehr denn je schutzlos ausgesetzt.

Da sich das tägliche Leben fast ausschließlich in der Familie und in der eigenen Wohnung abspielt, sind für viele Kinder und Jugendliche Strukturen weggebrochen, die ihnen im gewohnten Alltag die Möglichkeit zu Schutz und Hilfe gegeben.

In den vielen Angeboten der Offenen Ganztagsschulen, der Jugendverbandsarbeit, der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder der Sportvereine konnten sich betroffene Kinder und Jugendliche an Lehrer*innen, Gruppenleiter*innen, Trainer*innen, Mitarbeiter*innen wenden, denen sie Vertrauen schenken konnten und die ihnen zuhörten. Diese Menschen stehen derzeit nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist bereits 2019 einen Anstieg um 65% bei Verbreitung, Besitz, Erwerb und Herstellung von kinderpornographischem Material im Vergleich zum Vorjahr aus. (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2019, www.bka.de)

Der Wegfall der schützenden Strukturen und Angebote im Alltag führt dazu, dass sich die Gefahr für häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch erhöht. Es steht zu befürchten, dass in der Kriminalstatistik für das Jahr 2020 ein erneuter Anstieg dieser Zahlen zu verzeichnen sein wird!

Unsere Gesellschaft steht derzeit vor den größten Herausforderungen seit dem zweiten Weltkrieg. In dieser Krisenzeit, in der viele Menschen selbst akute Sorgen und Ängste haben, ist es gerade jetzt entscheidend, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch nicht aus den Augen zu verlieren.

Das ist im Moment umso wichtiger, da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Präventionsarbeit in der Katholischen Kirche und bei den vielen anderen Trägern in Deutschland derzeit nur sehr eingeschränkt ihre Aufgaben wahrnehmen können. Das Motto der Präventionsarbeit „Achtsam handeln“ bedeutet auch, dass Menschen, innerfamiliär und in ihrem privaten Umfeld, nicht wegschauen, sondern hinschauen und handeln, wenn der Verdacht einer (akuten) Kindeswohlgefährdung besteht. Es gibt die Möglichkeit der anonymen Beratung zur Verdachtsabklärung beim Jugendamt.

Alle Jugendämter und Fachberatungsstellen arbeiten auch in dieser Zeit weiter. Bei einem Verdacht auf häusliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch kann sich jede und jeder an eine solche Einrichtung wenden und dort kompetente Beratung und Hilfe einholen.

Kinderschutz geht uns alle an, auch in den Zeiten in denen das öffentliche Leben zum Stillstand kommt und uns persönlich Sorgen und Ängste belasten.

Wir alle können auch zu Hause dazu beitragen, dass es Kindern und Jugendlichen gut geht und sie vor Gewalt und sexuellem Missbrauch geschützt sind.

Hinschauen! Besonders zuhause. Besonders jetzt!

Oliver Vogt
Leiter
Institut für Prävention und Aufarbeitung
von sexualisierter Gewalt

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