IPA Aktuell 09/2020

ADVENT 2020

Die menschlichere Welt

Der christliche Glaube ist diejenige menschliche Einstellung zu Gott, in der sich der Mensch darauf verlässt, dass Gott Mensch geworden ist und bleibt, damit der Mensch menschlich sein und immer menschlicher werden kann. Kürzer: Das Wesen des christlichen Glaubens ist die rechte Unterscheidung zwischen einem menschlichen Gott und einem immer menschlicher werdenden Menschen. Und man muss hinzufügen, dass der christliche Glaube über diese Unterscheidung von Gott und Mensch froh ist, weil es dem Menschen und seiner Welt wohltut, dass der Mensch kein Gott ist und sein wollen muss. - Insofern kann man kürzer sagen: Das Wesen des christlichen Glaubens ist die Freude an Gott und deshalb die Sorge für eine menschlichere Welt. Eberhard Jüngel

Rückblick

Hinter uns allen liegt ein unstetes und bewegendes Jahr. Mit Blick auf das Institut hat die Pandemie unsere Arbeit in einer Phase getroffen, als diese gerade erst begann. So wurde die Energie des Anfanges und Aufbaus ausgebremst. Der Abschied von Herrn Vogt, dem bisherigen Leiter, gehörte zu den weiteren unvorhersehbaren Dingen mitten in der sensiblen Gründungsphase. Dankbar blicken wir auf das bereits Gelungene zurück.

Die inneren Strukturen für die Gründung des Vereins für Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt e.V. sind geschaffen und die inhaltliche Ausrichtung des Institutes ist vorerst abgeschlossen. Im September konnte die Gründungsversammlung endlich in Präsenz tagen und die Eintragung ins Vereinsregister beantragt werden. Somit ist es gelungen, die eigenständige Trägerschaft des Institutes auf den Weg zu bringen.

Erste Veranstaltungen wie die Kamingespräche, die Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung des Symposiums „Unsichtbar- Interdisziplinäre Stimmen zu Vulnerabilität, Vulneranz und Menschenrechte“, die Erstellung eines kurzen Lehrvideos für Schulungs-zwecke waren trotz der pandemiebedingten Einschränkungen digital möglich. Erste Aufträge wie die Begleitung des von den NRW – Diözesen ausgeschriebenen Forschungsprojektes zur Wirksamkeit der Präventionsmaßnahmen in kirchlichen Einrichtungen sind vereinbart. Institutionelle Anfragen zur Begleitung der Erstellung von Schutzkonzepten konnten wir annehmen. Die Umwandlung der geplanten Fachveranstaltung „Aufarbeitung buchstabieren“ in eine digitale Fortbildungsveranstaltung mit einem neuen Kooperationspartner (Domschule Würzburg) ist auf den Weg gebracht. Auch die Ausschreibung für eine neue Leitung ist online.

Sobald wir die Bestätigung des Eintrages ins Vereinsregister vorliegen haben, können sich die satzungsgemäßen Gremien konstituieren und die Vereinsgründung zum endgültigen Abschluss gebracht werden.

Ausblick auf eine menschlichere Welt

Einen Text für den Gruß zu Weihnachten mit der Überschrift „Die menschlichere Welt“ auszusuchen, hat erst zögern lassen, ob das für die Themen, die wir am IPA qua Grundauftrag bearbeiten und mit Blick auf die vielen betroffenen Frauen und Männer die passende Überschrift ist. Wir wollen es dennoch wagen. Denn, die in unserem Selbstverständnis beschriebenen christlichen Grundlagen unseres Handels sind handlungsleitend.

Unsere Arbeit soll dezidiert dazu beitragen, die Welt menschlicher zu machen. Trotz all dem, was in kirchlichen Einrichtungen an Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche aber auch gegen Frauen und Männer passiert ist, was in allen gesellschaftlichen Schichten passiert, in uns tiefliegende Zweifel, Gefühle von Wut, Ohnmacht, Trauer oder Hoffnungslosigkeit entstehen lassen kann.

Die Pandemie zeigt große Widersprüche auf. Auf der einen Seite zeigt sie, dass es viel Menschliches gibt. Die Solidarität mit den vulnerablen Menschen in unserer Gesellschaft lässt uns grundlegende Einschnitte in unsere Bewegungs- und Versammlungsfreiheit als Bürger und Bürgerinnen annehmen. Viele Wirtschaftsbetriebe geraten in wirtschaftliche Existenznot, um die Pandemie einzudämmen und Menschen zu schützen. Jedoch konträr zu den vielen Zeichen der Solidarität, steigen die Zahlen der Fälle von häuslicher Gewalt. Die Aggressionen untereinander und im öffentlichen Leben nehmen zu, wie es der sinnlose Amoklauf von Trier zeigt.

Insbesondere Kinder sind gefährdeter denn je, zu Hause ganz unbemerkt, unterschiedliche Formen von Gewalt oder sexuellen Missbrauch zu erleiden. Auch können wir nicht die Augen davor verschließen, dass andere vulnerable Menschen, wie Flüchtlinge in Syrien, Griechenland, Italien und anderswo kaum noch in der öffentlichen Diskussion vorkommen und Menschenrechtsverletzungen stillschweigend, ja duldend hingenommen werden. Angesichts dessen scheint es eigentlich fast unmöglich, an eine menschliche Welt zu glauben oder gar die Freude als Wesensmerkmal des christlichen Glaubens zu erkennen.

Jedoch sind die unterschiedlichen Formen von Menschenrechtsverletzungen und die weitverbreiteten Formen der strukturellen Gewalt der Nährboden für Gewalt gegen Kinder und vulnerable Menschen. Nur in dem wir immer wieder darauf aufmerksam machen, darüber nicht mehr schweigen, uns dagegen engagieren, können die betroffenen Kinder, Frauen und Männer Schutz vor jeglicher Form von Gewalt finden und die Achtung ihrer Würde erfahren.

Wir wollen auch im kommenden Jahr mit unserer Arbeit und unserem Auftrag dazu beitragen, ie Welt menschlicher zu machen. So hoffen wir darauf, dass das diesjährige Weihnachtsfest, trotz aller derzeitiger Bedrängnis, Menschen ermutigt, einfach nur Mensch zu sein, Hoffnung spendet und Menschlichkeit und Solidarität in unseren Begegnungen durchscheinen lässt.

Wir danken allen Förderern, Wegbegleiter*innen, Kooperationspartner*innen, Freunden, Kollegen*innen, den zukünftigen Mitgliedern unserer Gremien, allen die unsere Arbeit bisher unterstützt und dazu beigetragen haben, das Institut langsam wachsen zu lassen und auf den Weg zu bringen.

Gesegnete Weihnachten!

 

Mary Hallay-Witte

Jana Nowak

Lantershofen, im Dezember 2020

 

 


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